In der ersten Startup-Welle der Online-Welt, also Ende der 1990er Jahre geisterte vielerorts ein ziemlich wahnwitzer Begriff herum: Die Cash Burn Rate. Das war sozusagen der Gradmesser für die Intensität, mit der ein Startup sein Startkapital verprasste. Dass mittlerweile bei allen Euphorie-Eruptionen vieles doch wesentlich geerdeter läuft, zeigt eines der neuesten Startup-Konzepte aus den USA: Der Lean-Startup-Ansatz.

Dabei soll zwar nicht primär nur auf´s Sparen geachtet werden, doch in erster Linie geht es um ein möglichst schnelles Umsetzen von Geschäftsmodellen und Launchen von Produkten, wobei die Unternehmen so wenig Ressourcen wie möglich einzusetzen haben.

Der Innovationsprozess

Eric Ries

Ein Vorreiter von Lean Startup ist der Amerikaner Eric Ries, der im September dazu sein Buch „The Lean Startup“ herausbringt. Ries empfiehlt für neue Produkte oder Startups einen Innovations-Prozes im Wechselspiel zwischen Kunden, einem Problem sowie dessen Lösung mit einem „minimal akzeptablen Produkt“. Hört sich erstmal komisch an, aber das ist einfach die direkte Übersetzung der englischen Vorgabe „minimum viable product“ = „MVP“. So wie ich es verstehe, ist damit ein gerade so brauchbares Produkt gemeint, das man sofort am Markt testen kann. Der Prozess läuft demnach in den Schritten:

  1. Produkt (MVP) in den Markt bringen
  2. Feedback bekommen
  3. Produkt anpassen

Dann geht´s wieder bei Nummer 1 los, bis man einen Produkt-Markt-Fit erreicht, also das Problem der Kunden optimal löst.

Das Prozedere klingt ziemlich einleuchtend und erinnert ein wenig an die Empfehlung des Grandseigneurs der weltweiten Startup-Szene Guy Kawasaki:

Churn, Baby, churn!

Lean Startup im Einsatz

Dropbox ist eines der bekannteren Unternehmen, die Lean Startup einsetzen. Auf der Lean-Startup-Website berichtet Gründer Drew Houston, dass er nach der Lektüre von Eric Ries’s Blog dessen Prinzipien eingesetzt und damit Dropbox von 100.000 Usern in 15 Monaten auf 4.000.000 hochgeschraubt hat. Als deutschsprachiges Beispiel gibt es bei Startwerk.ch einen interessanten Erfahrungsbericht von connex.io– Gründer Marcus Kuhn.

Meetups zu Lean Startup als Diskussionsforen

Welche Welle das Lean-Startup-Konzept bereits schlägt lässt sich an der Vielzahl an Meetups ablesen, die weltweit zu dem Thema stattfinden. Veranstalter des Berliner Meetups ist Gregor Gross, der sich in seinem Blog Denkpass intensiv dem Lean-Startup-Konzept widmet. Dazu hat er mit netterweise ein paar Fragen beantwortet:

Gregor Gross

Gregor, der Lean-Startup-Ansatz scheint ja gerade aus den USA mit leichter Verzögerung zu uns herüber zu kommen. Gibt es schon nennenswerte praktische Erfahrungen deutschsprachiger Unternehmen mit dem Konzept?

In unserem Meetup in Berlin haben wir einen Vortrag von Manuel Kiessling gehabt, dem CTO von myhammer.de. Die setzen das ein, um neue Produktfeatures gezielt zu entwickeln. Von einigen anderen habe ich gehört, dass sie Lean Startup machen, ohne es vorher gewusst zu haben. Und in meinem Unternehmen sind wir mit Lean Startup dabei, eine neue Dienstleistung zu entwickeln. Zu guter Letzt hoffe ich doch, dass alle Teilnehmer am Lean Startup Meetup Berlin ab sofort nach Lean Startup arbeiten.

„Es geht darum, so schnell Du kannst mit Deiner Zielgruppe zu sprechen und ihr Problem zu verstehen.“

Für welche Arten von Startups ist das Lean Startup Konzept generell prädestiniert?

Technologie-Startups, sagt man. Ich sehe aber nicht, warum diese Einschränkung gelten sollte. Im übrigen lässt sich das Prinzip auch hervorragend von Unternehmen einsetzen, die bereits am Markt sind, und die neue Produkte/Dienstleistungen entwickeln wollen. Es geht darum, so schnell Du kannst mit Deiner Zielgruppe zu sprechen und ihr Problem zu verstehen. Hast Du ein lösenswertes Problem gefunden (Kunden genau beschreibbar, Markt hinreichend groß, Problem drückt und hat keinen billigen Work-Around), suchst Du eine Lösung dafür und baust Deinen MVP. Das MVP-Bauen geht am einfachsten bei Software, aber eigentlich über Pretotyping sogar auch mit Hardware.

Seit einigen Jahren mehren sich die Stimmen von Gründern und Fachautoren, die schnelle Produkteinführungen ohne großen Kapitaleinsatz propagieren. Was ist bei Lean Startup das wirklich Neue?

Lean Startup ist ein Innovationsprozess und dabei selbst eine Prozess-Innovation. Das gab es alles schon einzeln, aber nicht in dieser Zusammenstellung, Schritt für Schritt, mit all den Tools (Risiken untersuchen, Hypothesen und Annahmen testen, Business Model Canvas etc.).

„An 10 Interviews mit Kunden führt kein Weg vorbei – aber davor hat jeder immer Cold Call Jitters!“

Der Innovationsprozess sieht auf den ersten Blick eigentlich recht einleuchtend und einfach aus. Welche Aspekte des Ansatzes werden auf den Meetups am intensivsten diskutiert, was sind die kritischen Punkte?

Wir haben ja erst zwei Meetups hinter uns. Am meisten diskutiert wurde bislang immer, was jeder genau macht und wo er/sie Schwierigkeiten sieht. Aus meiner Sicht sind das kritischste von Anfang an die Kunden-Interviews. Diese sollten anfangs reine Problem-Interviews sein, also wirklich nur schauen, von dem Kunden deiner Zielgruppe zu erfahren, wie sein/ihr Problem aussieht, welche Auswirkungen es hat, wie man es bisher löst etc. Viele Leute neigen dazu, diese Interviews auszulassen. Oder sie wollen gleich ihre Lösung anbieten und testen. Oder sie machen Umfragen im Web etc. An 10 Interviews mit Kunden führt kein Weg vorbei – aber davor hat jeder immer Cold Call Jitters!

Wann und wo findet das nächste deutschsprachige Meetup zum Thema Lean Startup statt, und was läuft dort programmatisch ab?

Ich weiss ehrlich gesagt von keinen anderen Lean Startup Meetups in Deutschland. Wir machen unser drittes Lean Startup Meetup in Berlin am 8. September im GLS-Restaurant in der Kastanienallee 82 in Berlin-Prenzlauer Berg. Dabei präsentieren wir das Business Model Canvas und wenden das gemeinsam im Rahmen eines Mini-Workshops an. Danach gibt’s Erfahrungsaustausch. Wer woanders ein Meetup organisieren will, kann sich ja Gleichgesinnte suchen, zum Beispiel in unserer Lean Startup-Gruppe auf XING, auf Google Groups oder im Lean Startup Wiki.

Vielen Dank, Gregor!

Bildquellen: Flickr/betsyweber + imgriff.com/author/ggross

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