Erfahrungsbericht Bootstrapping – ohne Kapital zum Launch

Meine bisherigen Geschäftsideen habe ich allesamt per Bootstrapping umgesetzt. Kein Kapital. Immer aus eigener Kraft losgelegt.

Mindestens eine dieser Geschäftsidee wäre aber auf den ersten Blick wohl eher etwas für eine Finanzierung über externe Investoren gewesen. Denn wir mussten eine komplexe Software aufbauen, während wir von Programmierung wenig bis keine Ahnung hatten.

Die Rede ist von MeinSpiel.

In diesem Erfahrungsbericht will ich mal ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, wie wir unseren Start mit der Bootstrapping-Methode gewuppt haben, und worin ich die Vorteile beim Bootstrapping sehe.

Eine neue Geschäftsidee ist da

Entstanden ist unser Unternehmen aus einer Art Verlag für Kartenspiele, den mein Geschäftspartner Ole und ich kurz nach unserem Traninee-Programm in einem Hamburger Großverlag aufgebaut hatten.

Doch auf das Verlagsgeschäft hatten wir nicht mehr so richtig Bock. Sehr analog. Sehr vertriebsintensiv. Und ja, so richtig gut lief es nicht.

Witziger Nebeneffekt: Immer wieder kamen Leute zu uns, die ihre teils skurrilen Spiele-Ideen in unserem Verlag umsetzen wollten. Selbstverständlich auf unser Risiko, wir waren schließlich der Verlag. Die allermeisten dieser Angebot haben wir abgelehnt.

Doch aus diesem Nebeneffekt entstand unsere neue Geschäftsidee: Wir wollten den Verlag zu einem Anbieter für Mass Customization von Spielen umbauen. Und das haben wir letztlich auch gemacht.

Das große Geld winkt und geht wieder

Nachdem unsere Idee stand, dachten wir sofort an Venture Capital und andere gängige Finanzierungsformen für Startups.

Denn unsere Pläne waren nicht aus der Portokasse zu stemmen. Auf der hohen Kante hatten wir das erforderliche Kapital auch nicht, und einen Bankkredit haben wir nie wirklich ernsthaft in Betracht gezogen.

Das komplexe an unserer Geschäftsidee sind wie bei den meisten Anbietern für Mass Customization vor allem die Online-Konfiguratoren. In unserem Fall Konfiguratoren für individuell gestaltbare Karten und andere Spiele.

Der Aufbau der Webplattform würde also erstmal einiges kosten, bevor wir damit auch nur einen Cent verdienen konnten.

Was haben wir also gemacht?

Einen Businessplan geschrieben (würde ich so nicht wieder machen). Und den Plan haben wir an mögliche Investoren und Businessplan-Wettbewerbe verschickt.

In den Wettbewerben hatten wir mit unserer Idee tatsächlich einige Preise gewonnen. Und auch ein großer Investor war interessiert, mit dem wir in lange Verhandlungen eingestiegen sind.

Diese Wettbewerbs- und Investorenphase zog sich über etwa ein Jahr. Dann war die Finanzierung fast perfekt.

Fast. Denn in letzter Minute hatte unser Investor kalte Füße bekommen. Sorge vor möglichen Wettbewerbern.

F**k!

Lösungsweg Bootstrapping

Wir hätten nun fröhlich weiter Investoren akquirieren können. Doch zu dem Zeitpunkt hatten wir davon schlicht die Schnauze voll.

Bootstrapping - ohne Kapital zum LaunchUnd während des Jahres hatte sich bei uns ganz langsam ein neues kleines Einnahmen-Rinnsal gebildet: Werbekunden. Wir wickelten also projektmäßig Spielkarten-Aufträge für Werbekunden ab. Mit dem Prozedere kannten wir uns ja vom Verlagsgeschäft aus.

Und dieser neue kleine Geschäftszweig bildete ab da die Grundlage für unsere neue Strategie: Bootstrapping – eine Stück-für-Stück-Finanzierung durch die Erlöse aus einzelnen größeren Aufträgen für Werbekunden. Diesen B2B-Ansatz konnten wir fast aus dem Stand und ohne größere Investitionen ausbauen.

Das eingenommene Geld haben wir dann nach und nach direkt in den Aufbau unserer Online-Plattform gesteckt. Damit waren wir unser eigener Finanzierer.

Finanzierungsfantasien: Erstmal Geld her!?

Mal was Generelles: Beim Aufbau von Startups steht am Anfang eigentlich immer die Frage im Raum, wo man denn das nötige Kapital dazu auftreiben soll.

Finanzkräftige Business Angels müssten her, oder besser gleich eine richtige Venture-Capital-Firma, die dem Ganzen eine ordentliche Finanzspritze verpassen. In manchen Fällen geht es die ersten Monate eines Startups nur um eine solche Finanzierung, so dass der eigentliche Unternehmenszweck schon mal aus dem Blickfeld geraten kann.

So war es ja auch bei uns.

Bei manchen Arten von Gründungen ist es auch schlicht unumgänglich einen starken Investor zu gewinnen, siehe dazu den Selbstständig-ohne-Eigenkapital-Artikel. Wer beispielsweise im Bereich Biotech startet und erstmal in Forschung und Patente investieren muss, wird das kaum per Bootstrapping hinkriegen.

Doch manchmal scheint es, als wäre die Akquise des externen Kapitals das höchste Erfolgsmerkmal überhaupt.

Die Kehrseite der Medaille solcher externen Finanzierungen: Als Gründer begibst Du Dich in ein Abhängigkeitsverhältnis, das Dich im schlimmsten Falle Deiner unternehmerischen Freiheit berauben kann. Und die strebt man mit seiner Gründung doch eigentlich an!

Der Möglichkeit des schnellen Wachstums steht eben auch die Gefahr gegenüber, zum Beispiel bei Nichteinhaltung bestimmter Planzahlen seine eigenen Unternahmensanteile Stück für Stück abgeben zu müssen.

Deshalb würde ich zur Finanzierung immer sagen: Wenn es irgendwie per Bootstrapping geht, sollte man es auch machen.

Bootstrapping plus Technologie-Partnerschaft

Zurück zu MeinSpiel.

Die Lösung gelang letztlich durch eine Kombination von Bootstrapping und einer engen Partnerschaft mit unserer Agentur, die die erforderliche Technologie programmierte.

Die Jungs waren vom Konzept der neuen Plattform ebenso überzeugt und daher auch bereit mit ins Risiko zu gehen.

Auf diesem Wege konnten wir die Kosten unter Kontrolle behalten, während sich die Programmierer nach dem Launch gleichzeitig mit uns über höhere Umsätze freuen können, da diese über einen festgelegten Zeitraum zum Teil in deren Kasse flossen.

MeinSpiel.de 2011

MeinSpiel.de 2021

Auftragsgeschäft als Treibstoff während der Entwicklungsphase

Was das Thema Bootstrapping angeht, profitierten wir die gesamte Planungs- und Entwicklungszeit wie gesagt davon, dass wir parallel ein Angebot für Businesskunden aufgebaut hatten, sprich für Firmen, Verbände, öffentliche Institutionen und so weiter, die individuelle Spielprojekte mit großen Stückzahlen umsetzen.

Die Entwicklung der Plattform MeinSpiel.de wurde bei uns also intern quersubventioniert, indem wir einen Teil der Erträge aus den Großkundenaufträgen dort reinvestierten – natürlich immer im festen Glauben, dass die Umsätze der neuen Web-Plattform den Bereich der Geschäftskunden in absehbarer Zeit wesentlich überflügeln. Und so ist es mittlerweile auch.

Vorteile beim Bootstrapping

Die Vorteile einer solchen Bootstrapping-Strategie bringt aus meiner Sicht vor allem vier zentrale Vorteile:

  1. Unabhängigkeit: Du behältst die Ruderpinne des Unternehmens in der Hand.
  2. Organisches Wachstum: Heißt meist auch gesundes und stabiles Wachstum.
  3. Lerneffekte: Du kannst nach und nach Kundenwünsche aufgreifen und am Produkt arbeiten, anstatt alles auf einen Schlag aufbauen zu müssen.
  4. Fokussierung: Anstatt an Präsentationen für mögliche Investoren oder das Aufhübschen von Zahlen etc. zu denken,  ist man von Anfang an gezwungen, an den nächsten Umsatz-Euro und damit an die Wünsche der Kunden zu denken.

Was allerdings an Manpower gebunden wird, sollte man nicht außer Acht lassen. Die persönliche Betreuung von Aufträgen beispielsweise frisst gewaltig am eigenen Zeitbudget. Und ein immer wieder klingelndes Telefon macht konzentriertes strategisches Arbeiten auch nicht leichter.

Aber es ist die Sache wert, den Weg so zu gehen.

Das 1.000-Euro-Startup:
Wie kannst Du Dein Business mit minimalem Budget aufbauen?
Immer mehr Gründer machen sich die Strategien und Techniken des „Bootstrapping“ zunutze. Das wichtigste Rüstzeug zum Einstieg dazu bekommst Du im Gratis-Ebook "Das 1.000-Euro-Startup".
Trage deine Email Adresse unten ein, und Du bekommst das Ebook und weitere Bootstrapping-Tipps kostenlos.

Gratis-Ebook "Das 1.000-Euro-Startup" mit Newsletter anfordern!

Du kannst Dich mit 1 Klick abmelden. Datenschutz

Mit der Anmeldung stimmst Du zu, dass ich Dir meinen Newsletter per Mail sende, und dass ich Deine eingetragenen Daten zu diesem Zweck verarbeite. Du kannst dies jederzeit mit einem Klick widerrufen und Dich so vom Newsletter abmelden. Dann werde ich Deine Daten löschen, und Du bekommst keine Newsletter-Emails mehr. Mehr zum Datenschutz...

9 Kommentare
  1. Frank Z.
    Frank Z. sagte:

    Viele der geannten „Probleme“ sind mir absolut bekannt. Risiko- oder gar Wachstumskapital zu aquirieren steht manchmal in keinerlei Verhältnis zum Nutzen.

    Man kann es salopp gesagt auch schlicht als „Zeitverschwendung“ beschreiben. Ich würde heute auch eher davon abraten, über die Aquise von Fremdkapital nachzudenken, wenn es irgendwie auch ohne geht.

    Es wird oftmals Material angefordert, nur, um dann nach 1 Monat als Antwort zu bekommen, man habe gar keine Kapazitäten mehr für weiter Investments (als wenn man diese Antwort nicht gleich im ersten Telefonat hätte geben können).
    Auch schön sind Absagen wie – tolle Idee, aber wir investieren erst ab X Mio. Umsatz (also sozusagen erst dann, wenn man es bereits geschafft hat und keinen Kapitalgeber mehr braucht).

    Die beste Absage kam von einem bekannten Unternehmen, die allen ernstes meinten, man habe sich im Bekanntenkreis mal umgehört und sehe nach den Aussagen von dort eigentlich nicht, dass das vorgeschlagene Geschäft funktionieren würde – na dann 🙂

    Es gibt viele innovative und vor allem alternative Möglichkeiten, ein Unternehmen aufzubauen und zu finanzieren, man muß halt nur etwas kreativ werden 🙂

    Antworten
  2. Thomas
    Thomas sagte:

    Hi Thorsten,

    sehr cooler Artikel mit interessanten Einblicken. Dein Blog ist echt eine Fundgrube für gute Artikel!

    Der Punkt „Momentum“ den Du ansprichst ist auf jeden Fall sehr wichtig. Ich habe zwar bei unseren bisherigen Start-Ups noch nie eine Finanzierung von außen erhalten. Aber ich habe anfangs versucht ein Exist-Stipendium Finanzierung für eine Idee zu erhalten. Den Businessplan dafür zu schreiben und alle bürokratischen Anforderungen einzuhalten, hat mir damals viel vom dem nötigen Momentum genommen, das ich gebraucht hätte um die Idee umzusetzen.Irgendwann haben wir die Idee frustriert aufgegeben.
    Seitdem verfolge ich eher den Ansatz so schnell wie möglich etwas funktionierendes an den Start zu bringen und das Wachstum aus den ersten Umsätzen zu finanzieren.

    Viele Grüße
    Thomas

    Antworten
    • Thorsten Kucklick
      Thorsten Kucklick sagte:

      Hi Thomas, „Momentum“ ist dafür, glaube ich, echt ein guter Begriff. Denn eine Startphase von etlichen Monaten, die erstmal geprägt ist von lauter Dingen, die gar nichts mit dem eigentlichen Unternehmenszweck zu tun haben, kann sicher ziemlich zermürbend sein, und birgt die Gefahr, den ersten Schwung – eben das Momentum – abzuwürgen. Wie gesagt, bei einigen Unternehmensformen ist das einfach unumgänglich, aber meine Präferenz liegt da auch ganz klar auf der schlanken Gründung mit Fokus auf echte Umsätze.

      Antworten
  3. Andrea
    Andrea sagte:

    Danke für den guten Artikel inklusive Weitergabe der eigenen Erfahrung. Diese Form des organischen Wachstums oder des Bootstrappings ist aus meiner Sicht eine optimale Vorgehensweise. Okay – zugegeben – es passt nicht immer. Allerdings ist es doch von Vorteil, klein anzufangen und mit zunehmenden Aufträgen, Kundeninteresse und den daraus resultierenden Aufträgen zu wachsen. So baut man nicht ein relativ großes Unternehmen auf Pump an den Kundenwünschen vorbei auf. Und wer hat schon Lust seine Selbständigkeit direkt an den Nagel zu hängen und angestellter Geschäftsführer im eigenen Laden von Bankers Gnaden zu werden… Da ist die Idee der strategischen Partnerschaft mit der Agentur doch deutlich besser. Das zeigt doch, dass auch die Geschäftsidee taugt.

    Antworten
    • Thorsten Kucklick
      Thorsten Kucklick sagte:

      Danke für Dein Feedback! Und ja, es passt nicht immer, da würde ich absolut zustimmen. Es gibt halt auch etliche Geschäftsmodelle, die ohne ordentliches Startkapital nicht umsetzbar sind.
      Aber heute kommt noch noch ein Artikel, in dem ich versuche einmal genau solche Arten von Geschäfftsmodellen herauszuarbeiten, die man ideal per Bootstrapping starten kann.

      Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Die Zeichen des Marktes hatten damit eigentlich eine klare Sprache gesprochen: Es ist keine gute Zeit für neue Geschäftsmodelle. Doch innerlich waren wir bereits so weit mit unseren Planungen, dass wir die Sache nicht aufgeben, sondern auch ohne externe Investitionen auf aufziehen wollten. Und somit gingen wir über den Weg des Bootstrapping in den Markt (die gesamt Story dazu hier). […]

  2. […] wie es aber beispielsweise konkret im Venture-Capital-Bereich läuft, oder was es mit dem Bootstrapping auf sich hat, spielt fast keine […]

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.