Erfahrungsbericht Bootstrapping – ohne Kapital zum Launch

Von Kategorie Bootstrapping & Mindset, Entrepreneurship mit 7 Kommentaren

Aus aktuellem Anlass geht´s heute um das schöne Thema Bootstrapping. Mit unserem Unternehmen MeinSpiel haben wir über die letzten Jahre diese Strategie der Unternehmensentwicklung per Einnahmen aus Auftragsgeschäften verfolgt, und jetzt sozusagen einen für uns ziemlich wichtigen Meilenstein erreicht.

Deshalb werde ich hier nocheinmal unseren spezifischen Weg des Bootstrapping nachzeichnen.

Der Meilenstein, den wir nun geschafft haben, ist die Komplettierung unseres Angebots an Spiele-Konfiguratoren in der Form, wie wir es ursprünglich geplant hatten. So kam zum Schluss noch der Quartett-Konfigurator dazu, der für die Programmierer eine der größten Herausforderungen im Gesamtangebot war.

Bootstrapping - ohne Kapital zum LaunchWie es bei uns losging

Als ich mich mit meinem MeinSpiel-Geschäftspartner Ole vor knapp vier Jahren entschied, unseren damaligen Verlag zu einem Anbieter für Mass Customization von Spielen umzubauen, standen wir vor einem finanziellen Dilemma. Der Aufbau einer neuen Webplattform würde erstmal einiges kosten, bevor wir damit auch nur einen Cent verdienen konnten. Eine externe Finanzierung schied bei dem fünfstelligen Kapitalbedarf aus, weil zu niedrig für den Kapitalaquiseaufwand, und so blieb uns die Strategie des sogennanten Bootstrapping – eine Stück-für-Stück-Finanzierung durch die Erlöse aus einzelnen größeren Aufträgen für Werbekunden sowie für andere Unternehmen und Verbände. Denn diesen B2B-Ansatz konnten wir fast aus dem Stand und ohne größere Investitionen starten.

Bevor ich nun Stück für Stück zusammenfasse, wie es bei uns gelaufen ist, zunächst nochmal etwas Generelles:

Finanzierungsfantasien: Erstmal Geld her!?

Beim Thema Unternehmensaufbau steht zunächst oft die Frage im Raum, wo man denn das nötige Kapital dazu auftreiben soll. Finanzkräftige Business Angels müssten her, oder besser gleich eine richtige Venture-Capital-Firma, die dem Ganzen eine ordentliche Finanzspritze verpassen. In manchen Fällen geht es die ersten Monate eines Startups nur um eine solche Finanzierung, so dass der eigentliche Unternehmenszweck schon mal aus dem Blickfeld geraten kann.

Bei manchen Arten von Gründungen ist es auch ganz einfach unumgänglich einen starken Investor zu gewinnen, siehe dazu den „Kapital vs. Umsatz“- Artikel. Doch manchmal scheint es, als wäre die Aquise des externen Kapitals das höchste Erfolgsmerkmal überhaupt. Die Kehrseite der Medaille solcher externen Finanzierungen ist, dass man sich als Gründer in ein Abhängigkeitsverhältnis begibt, das einen schnell seiner unternehmerischen Freiheit berauben kann – und die strebte man mit seiner Gründung doch eigentlich an! Der Möglichkeit des schnellen Wachstums steht eben auch die Gefahr gegenüber, zum Beispiel bei Nichteinhaltung bestimmter Planzahlen seine eigenen Unternahmensanteile Stück für Stück abgeben zu müssen.

Bootstrapping plus Technologie-Partnerschaft

Zugegebenermaßen haben wir bei MeinSpiel in der Vergangenheit zunächst auch mit diesen Gedanken gespielt, sind letztlich jedoch zu einer gänzlich anderen Finanzierungsmethode gekommen, die einem als Gründer deutlich mehr Freiheiten lässt.

Website MeinSpiel.de

Bevor es mit der neuen Plattform überhaupt in die Planung gehen konnte, stand also die Frage der Finanzierung. Auf der hohen Kante hatten wir das erforderliche Kapital nicht, und einen Bankkredit haben wir nie wirklich ernsthaft in Betracht gezogen. Nach einem ersten Abklopfen von möglichen Kapitalgebern schien uns eine großangelegte Kapitalakquise ebenso nicht sinnvoll, da das Investitionsvolumen der reinen Technik fast zu gering war, und wir dafür erstens den Akquiseaufwand und zweitens die damit verbundenen Abhängigkeiten vermeiden wollten.

Die Lösung gelang letztlich durch eine Kombination von Bootstrapping und einer engen Partnerschaft mit unserer Agentur, die die erforderliche Technologie programmierte.

Unsere Agentur INSTANTSOUP Media war vom Konzept der neuen Plattform ebenso überzeugt und daher auch bereit mit ins Risiko zu gehen. Auf diesem Wege konnten wir die Kosten unter Kontrolle behalten, während sich die Programmierer nach dem Launch gleichzeitig mit uns über höhere Umsätze freuen können, da diese über einen festgelegten Zeitraum zum Teil in deren Kasse fließen.

Auftragsgeschäft als Treibstoff während der Entwicklungsphase

Was das Thema Bootstrapping angeht, profitierten wir die gesamte Planungs- und Entwicklungszeit davon, dass wir von vornherein parallel ein Angebot für Businesskunden aufgebaut hatten, sprich für Firmen, Verbände, öffentliche Institutionen und so weiter, die individuelle Spielprojekte mit großen Stückzahlen umsetzen. Das heißt, wir organisieren im Stile einer Produktionsagentur den kompletten Prozess eines solchen Projektes für den Kunden vom Angebot über das Datenhandling bis zur Auslieferung der Europaletten mit den fertigen Spielen. Vor kurzem war es beispielsweise der Schuh-Shop Mirapodo mit einem Schuhquartett, das allen Erstkunden im Versandpaket beigelegt wurde. Andere Beispiele sind  Red Bull mit einem individuellen Pokerset oder das Bundespresseamt, das bei uns ein Quiz zum Thema „20 Jahre Deutsche Einheit“ machen ließ.

Durch diese Art von Aufträgen konnten wir zusammen mit der Kleinserien- und Einzelstückproduktion sowie unserem alten Verlagsbereich im letzten Jahr rund 600.000 Euro an Umsatz machen. Die Entwicklung der Plattform MeinSpiel.de wurde bei uns also intern quersubventioniert, indem wir einen Teil der Erträge aus den Großkundenaufträgen dort reinvestierten – natürlich immer im festen Glauben, dass die Umsätze der neuen Web-Plattform den Bereich der Geschäftskunden in absehbarer Zeit wesentlich überflügeln. Und mittlerweile stehen die Zeichen dafür auch recht gut.

Unabhängigkeit und organisches Wachstum

Die Vorteile einer solchen Bootstrapping-Strategie mit organischem Wachstum sehen wir zum einen in der Unabhängigkeit, die wir uns bewahren konnten, und zum anderen in den Lerneffekten bezüglich der Kundenwünsche und dem Produkt selbst. Anstatt an Präsentationen für mögliche Investoren oder das Aufhübschen von Zahlen etc. zu denken,  ist man stattdessen quasi von Anfang an gezwungen, an den nächsten Umsatz-Euro und damit an die Wünsche der Kunden zu denken.

Was allerdings für die Firmenaufträge an Manpower gebunden wird, sollte man nicht außer Acht lassen. Die persönliche Betreuung der Aufträge frisst gewaltig am eigenen Zeitbudget, und ein immer wieder klingelndes Telefon macht konzentriertes strategisches Arbeiten auch nicht leichter. Dadurch fielen in den ersten zwei Jahren auch das Thema Social Media und andere Aktivitäten, die nicht unmittelbar zu Umsätzen führen, meistens unter den Tisch. Auf allen Hochzeiten kann man nun mal nicht tanzen.

Aber es ist die Sache wert, den Weg so zu gehen.

Aktuell: So finanzieren sich Startups in Deutschland

Nochmal aus aktuellem Anlass ein  kleiner Zusatz: Am Freitag veröffentlichte deutsche-startups.de die Statements von 15 Gründern zur Frage Ihrer Startup-Finanzierung. Die Palette der Finazierungsformen reicht von Eigenfinanzierungen über externe Frühinvestoren bis hin zur Finanzierung über die Preisgelder aus Gründungswettbewerben. Das t3n-Magazin hat die Umfrageergebnisse darauf zum Anlass genommen, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Finanzierungsformen einmal zu durchleuchten.

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7 Kommentare

  • on 12. Juli 2011 Antworten

    Servus Thorsten. Herzlichen Dank für diesen detaillierten Einblick 🙂 Davon kann man wirklich was lernen 🙂

  • on 13. Juli 2011 Antworten

    Viele der geannten „Probleme“ sind mir absolut bekannt. Risiko- oder gar Wachstumskapital zu aquirieren steht manchmal in keinerlei Verhältnis zum Nutzen.

    Man kann es salopp gesagt auch schlicht als „Zeitverschwendung“ beschreiben. Ich würde heute auch eher davon abraten, über die Aquise von Fremdkapital nachzudenken, wenn es irgendwie auch ohne geht.

    Es wird oftmals Material angefordert, nur, um dann nach 1 Monat als Antwort zu bekommen, man habe gar keine Kapazitäten mehr für weiter Investments (als wenn man diese Antwort nicht gleich im ersten Telefonat hätte geben können).
    Auch schön sind Absagen wie – tolle Idee, aber wir investieren erst ab X Mio. Umsatz (also sozusagen erst dann, wenn man es bereits geschafft hat und keinen Kapitalgeber mehr braucht).

    Die beste Absage kam von einem bekannten Unternehmen, die allen ernstes meinten, man habe sich im Bekanntenkreis mal umgehört und sehe nach den Aussagen von dort eigentlich nicht, dass das vorgeschlagene Geschäft funktionieren würde – na dann 🙂

    Es gibt viele innovative und vor allem alternative Möglichkeiten, ein Unternehmen aufzubauen und zu finanzieren, man muß halt nur etwas kreativ werden 🙂

  • on 15. Juli 2011 Antworten

    Hi Thorsten,

    sehr cooler Artikel mit interessanten Einblicken. Dein Blog ist echt eine Fundgrube für gute Artikel!

    Der Punkt „Momentum“ den Du ansprichst ist auf jeden Fall sehr wichtig. Ich habe zwar bei unseren bisherigen Start-Ups noch nie eine Finanzierung von außen erhalten. Aber ich habe anfangs versucht ein Exist-Stipendium Finanzierung für eine Idee zu erhalten. Den Businessplan dafür zu schreiben und alle bürokratischen Anforderungen einzuhalten, hat mir damals viel vom dem nötigen Momentum genommen, das ich gebraucht hätte um die Idee umzusetzen.Irgendwann haben wir die Idee frustriert aufgegeben.
    Seitdem verfolge ich eher den Ansatz so schnell wie möglich etwas funktionierendes an den Start zu bringen und das Wachstum aus den ersten Umsätzen zu finanzieren.

    Viele Grüße
    Thomas

    • Autor
      on 15. Juli 2011 Antworten

      Hi Thomas, „Momentum“ ist dafür, glaube ich, echt ein guter Begriff. Denn eine Startphase von etlichen Monaten, die erstmal geprägt ist von lauter Dingen, die gar nichts mit dem eigentlichen Unternehmenszweck zu tun haben, kann sicher ziemlich zermürbend sein, und birgt die Gefahr, den ersten Schwung – eben das Momentum – abzuwürgen. Wie gesagt, bei einigen Unternehmensformen ist das einfach unumgänglich, aber meine Präferenz liegt da auch ganz klar auf der schlanken Gründung mit Fokus auf echte Umsätze.

  • on 13. August 2012 Antworten

    Danke für den guten Artikel inklusive Weitergabe der eigenen Erfahrung. Diese Form des organischen Wachstums oder des Bootstrappings ist aus meiner Sicht eine optimale Vorgehensweise. Okay – zugegeben – es passt nicht immer. Allerdings ist es doch von Vorteil, klein anzufangen und mit zunehmenden Aufträgen, Kundeninteresse und den daraus resultierenden Aufträgen zu wachsen. So baut man nicht ein relativ großes Unternehmen auf Pump an den Kundenwünschen vorbei auf. Und wer hat schon Lust seine Selbständigkeit direkt an den Nagel zu hängen und angestellter Geschäftsführer im eigenen Laden von Bankers Gnaden zu werden… Da ist die Idee der strategischen Partnerschaft mit der Agentur doch deutlich besser. Das zeigt doch, dass auch die Geschäftsidee taugt.

    • Autor
      on 14. August 2012 Antworten

      Danke für Dein Feedback! Und ja, es passt nicht immer, da würde ich absolut zustimmen. Es gibt halt auch etliche Geschäftsmodelle, die ohne ordentliches Startkapital nicht umsetzbar sind.
      Aber heute kommt noch noch ein Artikel, in dem ich versuche einmal genau solche Arten von Geschäfftsmodellen herauszuarbeiten, die man ideal per Bootstrapping starten kann.

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